Alter, Soziales

Allein(gelassen)

Ganz anderes Thema, aber es geht mir einfach im Kopf rum (monothematisches Bloggen hat also gerade mal zwei Blogposts lang geklappt).

Gestern hatte ich zwei Gespräche mit Senior_innen, die Hilfe suchten. Allerdings brauchten sie etwas, das unsere Einrichtung nicht anbietet. Die Seniorin, die ihren demenzkranken Mann pflegt, saß dann weinend da – sie hatte die ganze Zeit allein durchgehalten und erst jetzt, wo sie keine Kraft mehr hat, die Krankenkasse um Rat gebeten, die ihr Adressen gab. Adressen von Einrichtungen, an die sie sich hinwenden kann – und dann stimmt das doch nicht.

Der Senior der anrief, bat darum, dass jemand ein paar Mal in der Woche vorbeikäme. Er habe bisher alles alleine geschafft, aber jetzt müsse doch mal geputzt werden. Und es wäre schön, wenn man ab und zu für ihn koche. Und einfach nur sich mit ihm unterhält. „Können nicht Sie kommen? Sie haben so eine schöne Stimme“.

Beide hatten wohl immer das Gefühl, sie müssen es alleine schaffen. Beide wussten nicht, an wen sie sich wenden können. Beide hatten noch nichts vom Seniorenbüro der Stadt gehört, dessen Mitarbeiterinnen genau in solchen Situationen beraten, die einen guten Überblick über das Angebot in der Stadt haben.

Dem Senior war die Nachbarschaftshilfe der Caritas kein Begriff, an die er sich in seinem Stadtteil wenden kann. Die Seniorin kannte die Tagespflege des gleichen Trägers nicht, bei der es möglich ist, den Ehemann auch nur an ein, zwei, drei Tagen in der Woche hinzubringen.
(Natürlich gibt es diese Angebote auch von Trägern wie AWO oder Diakonie, die Links hinter „Nachbarschaftshilfe“ und „Tagespflege“ führen zu einer Übersicht).

Das Seniorenbüro versteckt sich nicht, die caritativen Träger verstecken sich nicht. Von den  Angeboten berichtet nicht nur die hiesige Tageszeitung, auch in den kostenlosen Wochen- und Stadtteilzeitungen tauchen sie regelmäßig auf.

Interessiert es nicht, solange man selbst nicht betroffen ist (das ist ja stets schön an den Reaktionen zu lesen, wenn es um nicht-diskriminierende Belange geht, z.B. bzgl. Gender, Ethnie, Behinderung)? Ich kenne es von den Senior_innen, mit denen ich auf der Arbeit zu tun habe, wie schwer es ihnen fällt, um Hilfe zu bitten. Um Hilfe zu bitten, bedeutet Schwäche zu zeigen. Ist das so verinnerlicht, dass man beim Lesen über ein Angebot verdrängt, dass man es selbst wahrnehmen könnte? Oder sind die Menschen so isoliert, dass sie nicht auf den Gedanken kommen, dass es Hilfe gibt?

In diesem Zusammenhang kann ich auch nur noch mal den Kopf schütteln, dass durch eine politische Entscheidung die Pflegestützpunkte aufgelöst werden mussten, die bisher auf verschiedene Träger innerhalb der Stadt verteilt waren. Es gibt jetzt nur noch einen einzigen Pflegestützpunkt im Seniorenbüro. „Wo sind die? Wo ist das? Ich fahr doch nicht mehr in die Innenstadt, mit den ganzen Baustellen. Wie soll ich denn da hinkommen?“ (Und dann gibts da auch keine Parkplätze an der Straße, sondern nur eine Tiefgarage. Sowas kann z.B. meine Mutter überhaupt nicht leiden). Während überall die Quartiersarbeit unterstützt wird (nah bei den Bürger_innen, die Nachbarschaft stärken, sie zueinander bringen), konzentriert sich ausgerechnet dort, wo die Ratsuchenden nicht mehr so mobil sind, alles auf einen Punkt.

Aber Politik ist ja eher das Synonym für „versteh ich nicht“.