Gärtnern, Nachhaltigkeit, Stadtgärtnern

Chance vertan.

Kirschlorbeerhecke

Drei Ecken weiter. Ein altes Haus. Im dazugehörigen großen Garten Sträucher, Hecken, alte Bäume. Blumenbeete. Auf Google Earth ist der Beginn des Plattmachens festgehalten, die Bäume und Sträucher im Vorgarten schon weg. Das alte Haus wurde abgerissen, das Grün weggebracht, eine riesige Baugrube entstand.

Direkt nebendran eine Doppelhaushälfte. Auch hier viel Grün, alte Bäume hinten, Hecke – und ein vernachlässigtes Blumenbeet im Vorgarten. Kurz nach Beginn der Bauarbeiten nebenan auch hier Abräumen, Maschinen, Handwerker. Das Haus wurde saniert, erweitert, aufgestockt.

Die Doppelhaushälfte war schneller fertig als der Neubau des Mehrfamilienhauses nebendran. Der Vorgarten wurde bepflanzt. Eine Vielfalt mit insektenfreundlichen Pflanzen. Die Stauden natürlich noch klein, aber es blühte die ganzen Monate etwas. Da hat sich jemand Gedanken gemacht. Vertrocknete Staudenstängel durften nun über Winter auf dem Beet bleiben, die Fetthenne trägt noch ihre Blütenstände. Schneeglöckchen und die ersten Krokusse blühen, die nächsten Zwiebelpflanzen schieben ihre Blätter ins Licht. Der Borretsch wird allmählich zum Humus. Wollziest. Drei unterschiedlich farbige Heuchera leuchten aus der Mitte. Mutterkraut an der Seite, und natürlich kommt auch hier das Schaumkraut als erstes essbares Grün.

Vorgarten mit insektenfreundlichen Pflanzen

Das Mehrfamilienhaus hingegen wurde erst vor Kurzem fertig. Moderner Bau, moderner Vorgarten. Dunkelgrauer grober Schotter vor der mittelgrauen Terrasse. Stahlzaun. Und damit die Privatsphäre für die bodennahen Fenster gewahrt bleibt: Kirschlorbeer. Kirschlorbeer. Kirschlorbeer.

Kirschlorbeerzaun

Kirschlorbeer. Preiswert. Wächst schnell. Zack, alles zu.

Nützt keinem Insekt was. Nützt keinem Vogel was (OK, wenn er soweit wachsen darf, dass er Beeren ausbilden kann: Von denen fressen manche Vögel, scheißen sie aber in ihrer dunkelblauen Schönheit wieder aus. Was dann vielen Menschen auch wieder Freude macht). Kirschlorbeer ist ein Elend, wenn er angewachsen ist und ständig geschnitten werden muss. Viel Spaß beim Grünschnitt-Abfahren – die Nachbarin kann ihr Lied singen. Ich hatte mal angeboten, einen Teil zu verhäckseln. Selbst der Bosch-Häcksler hat aufgegeben.

Nehmen wir die Motivation des Vorgartens des Hauses nebenan:

Dann könnten die schmalen Erdstreifen innerhalb des Zauns von den Bewohner_innen bepflanzt werden. Z.B. mit Tomaten. Lauter verschiedene bunte Sorten. Oder fürs Zuranken Feuerbohnen. Oder Prunkwinden? Oder Geißblatt? Ja, es braucht halt, bis es groß wird. Aber Geißblatt ist immergrün, duftet wunderbar, hat einen hohen Nektarwert – Bienen, Hummeln, Falter (vor allem Nachtfalter) mögen ihn.

Als ich in einer Gartenzeitschrift einen Artikel zu Spalierobst las, dachte ich, warum macht niemand eine Hausabgrenzung mit Spalierobst? Die Blüten wunderschön und Bienennahrung, das Obst kann gegessen werden. Ach ja, wenn da nicht die vielen, vielen Autos wären.

Einige Häuser weiter steht eine schöne, eingewachsene Mischhecke. Mahonie, Efeu, Mittelmeer-Feuerdorn (hier musste ich mir in der Bestimmung von der Facebookgruppe ID-Group helfen lassen. Super Gruppe. Irgendjemand weiß da immer was). Alle drei blühen (der Efeu, wenn er alt genug ist), alle haben Nutzwert für Insekten und Vögel.

Mischhecke aus Mahonie, Efeu und Mittelmeer-Feuerdorn

Natürlich dauert es einige Zeit, bis diese Hecke dicht gewachsen ist. Aber dadrin lebt es. Die Mahonie blüht im Frühjahr gelb, sie hat einen hohen Pollenwert. Die Beeren sind blauschwarz. Der Feuerdorn kurz darauf rot bis gelb, ebenfalls mit hohem Pollenwert. Und der Efeu blüht im Herbst – umbraust von Bienen. Die Früchte von allen Sträuchern werden von verschiedenen Vögeln gerne gefressen, die stacheligen Blätter der Mahonie und die Dornen des Feuerdorns bieten einen geschützten Ort für die Vögel. Die Hecken lassen sich gut schneiden. Da die Blätter kleiner sind, geben sie auch keine häßlichen Schneidränder wie der Kirschlorbeer ab.

In den letzten Jahren sind hier in der Umgebung mehrere dichte Büsche und Hecken verschwunden. Bei uns gegenüber tschilpten eifrig die Spatzen – bis die Hecke der Parkmöglichkeit eines Autos weichen musste. Zweimal ums Eck ein total verwilderter Garten – jetzt ein großes Mehrfamilienhaus im Bau. Dreimal ums Eck hab ich ja schon beschrieben. Natürlich braucht es Wohnraum für Menschen – es wäre albern, aus der warmen, schönen Wohnung heraus darüber zu schimpfen, dass andere ebenfalls eine warme, schöne Wohnung möchten.

Aber es sollte doch eine Verantwortung dafür entstehen, dass wir mit dem Zubauen alter Gärten anderem Leben den Lebensraum entziehen.

Und statt steriler Kies-Koniferen-Vorgärten …

Kies-Koniferen-Vorgarten

(… welch Trugschluss, dass Kiesaufschüttungen keine Arbeit machten …)

Laub im Kiesvorgarten

… an Insekten und Vögel – und letztendlich doch auch an unser eigenes Schönheitsempfinden und unsere eigene Freude denken. Ob im neu angelegten Vorgarten …

Schneeglöckchen

… der irgendwann zum alten, eingewachsenen Schmuckstück wird …

Winterlinge

… ob sich die Blumenzwiebeln in einem Stück öffentlichen Grün einfach mal ausbreiten dürfen …

Schneeglöckchenwiese

… oder ob eine Baumscheibe am Straßenrand liebevoll gepflegt wird …

bepflanzte Baumscheibe mit Frühjahrszwiebeln, abgeblühten Hortenisen, Steinpyramide

Vielfalt statt Einfalt!

Haussperlinge