Karlsruhe, Nachhaltigkeit, Wildtiere

Abrasiert – Insektensterben? Pffff

Hummel auf Flockenblume - unten hinten naht der Mulchmäher

Alle paar Wochen schafft es die Stadt Karlsruhe, dass ich mich über sie aufrege. Es ist mal wieder soweit. Und heute hab ich mich SO aufgeregt, dass ich nach diesem Blogpost die Gemeinderatsfraktionen anschreibe.

Auf meinem Weg zur Arbeit radle ich den Adenauerring und die Willy-Brandt-Allee entlang. Zwischen Waldstück und Radweg, zwischen Radweg und Straße sind schmale Grünstreifen. Hier wachsen tapfer Wildblumen. Einheimische Wildblumen. Wilde Möhre und Wilder Pastinak, Wegwarte, Hornklee, Wiesenklee, Flockenblume, Wegerich, Lichtnelke und einiges mehr. Zur Freude von Hummeln, anderen Wildbienen, auch Schmetterlinge hab ich schon gesehen. Ich freu mich immer an den bunten Tupfen entlang der Straße und am Gesummse.

Die Pracht währt kurz. Es naht der Mulchmäher. Das komplette Wegegrün wird abrasiert, gemulcht, der Mulch liegen gelassen. Das war es dann mit den Blüten. Zur Samenbildung kam es gar nicht. Samen für die Wiederaussaat oder für Vögel – oder auch für die Menschen, die sich die eine oder andere Wildblume gerne im Garten ansiedeln lassen möchten.

Kaum haben sich die Kräuter wieder hochgekämpft und blühen erneut, tummeln sich Insekten  – naht der Mulchmäher.

ICH VERSTEHE ES NICHT!

Wenn es um schöne Töne und hübsche Plakate geht, schmückt sich die Stadt mit dem Etikett „Grüne Stadt Karlsruhe“. Bienen? Bienen gehen immer! Da kann man die Bevölkerung so hübsch aufmuntern, Bienenweiden in ihrem Garten oder auf dem Balkon zu pflanzen. Insektensterben, liebe Bevölkerung.

Aber was die eigenen Flächen betrifft? Pfff. Vorhandene Grünflächen mit einheimischen Wildpflanzen werden in engem Takt gemäht. An und rund um die Klotze, an der Alb entlang, an meinem Arbeitsweg – vermutlich weil „der Bürger“ das so will. „Der Bürger“, der privat Insekten retten soll. Ahja.

Das Mulchmähen ist kostengünstiger als die extensive Pflege, wurde mir von einer Gemeinderätin gesagt. Da das Gartenbauamt nicht mehr Geld bekommt, aber auch deren Kosten steigen, steigt der Einsatz der Mulchmäher. Extensive Pflege bedeutet, das Schnittgut drei, vier Tage liegen zu lassen, damit die Samen ausfallen können und auch ein- und zweijährige Pflanzen die Möglichkeit haben, erneut zu keimen. Danach muss das Schnittgut abgefahren werden, ansonsten erstickt der Bewuchs, das Schnittgut wirkt als Dünger und übrig bleiben nur die absolut robusten Pflanzen. Die höchste Artenvielfalt entsteht auf mageren Flächen, nicht auf gedüngten.

Ich kann die Rechnung nicht nachvollziehen – nur zwei-, dreimal im Jahr mähen inkl. Abräumen des Schnittguts braucht mehr Aufwand als alle paar Wochen mähen und mit dem Aufräumtrupp hinterherzugehen, da der gemulchte Schnitt wild auf den Radweg und auch auf die Straße geschleudert wird?

Und Verkehrsgefährdung? Die paar Zentimeter an Höhe, die die Wiesenblumen mit sich bringen? Zumal bei richtiger Pflege – also extensiv – der Boden sowieso magerer wird und die Pflanzen keinen Anlass haben, ins Kraut zu gehen.

Als letzte Woche wieder am Adenauerring und an der Willy-Brandt-Allee rasiert wurde, dachte ich, nun gut, zumindest auf dem Wiesenstück Ecke Willy-Brandt-Allee, Kanalweg und Ohiostraße blüht es noch. Und die Pflanzen sind so niedrig, da wird doch niemand…

Von wegen. Während vorne die Steinhummel die Flockenblumen anfliegt, ist der erste Randstreifen schon abgemäht. Hinten naht – der Mulchmäher.

Liebe Verantwortliche der Stadt Karlsruhe: Sie wissen schon, dass der Rückgang der Insekten auch SEHR damit zu tun hat, dass Wiesen übermäßig oft gemäht werden, sie keine Nahrung finden (gerade jetzt im Juli ist es schwierig für die Bienen, ausreichend Nahrung zu finden) und vor allem diese Mulchmäher jedesmal etliche Insekten mithäckseln – z.B. Schmetterlingsraupen? Wann haben Sie Ihren letzten Schwalbenschwanz gesehen?

Warum also nicht das einfachste machen, was für Insekten möglich ist: EINFACH MAL DIE WIESEN BLÜHEN LASSEN.